Kerstin Göcking-Reichenbach
Warum ich schreibe?
Kurioserweise war es genau diese Frage, die ich für die Anthologie der Literaturkreises Bad Salzungen „Geschichten & Gedichte schreiben – aber warum?“ mit einer Kurzgeschichte beantworten sollte. Die Aufgabe wurde mir während meines ersten Zusammentreffens mit den Mitgliedern im Juli 2021 gestellt.
„Tue ich doch gar nicht!“, war meine erschrockene Reaktion. Vollkommen verunsichert schweiften meine Gedanken um dieses Thema. Schreibe ich?
Ich lese gerne und viel, das tat ich schon immer. Das Genre ist fast nebensächlich. Es muss fesselnd sein. Sobald mein Interesse geweckt ist, wird auch meine Phantasie angeregt und schon beginnt es: Ideen blitzen auf, Geschichten entstehen, Charaktere werden geboren und Handlungen gestrickt.
Als Kind war Schreiben einfacher. Unbelastet hing ich meinen Träumen nach; brachte es fertig, am helllichten Tag mit offenen Augen vor einen Mast zu laufen, begleitet vom Kopfschütteln meiner Eltern. Die Geschichten in meinem Inneren waren wichtiger als die Realität um mich. Bücher, die ich gelesen hatte, wurden fortgesponnen. Ich bestritt Abenteuer mit echten und erdachten Freunden. In Märchen ließ ich das Gute über das Böse siegen.
Viele Jahre später schrieb ich, ohne dass es mir bewusst war. Ich fand die täglichen Briefe an meinen Bruder, welche ich ihm, ähnlich einem Tagebuch, während seines Einsatzes in Afghanistan schrieb. Kleine Anekdoten unsers Familienalltags sollten ihn erheitern, ihm Freude bringen. Briefe waren zu dieser Zeit fast der einzige Weg, die Soldaten zu erreichen. Telefonate und Mails waren aus Sicherheitsgründen absolute Rarität.
Und dann kam das Frühjahr 2020. Fast alles wurde zum Stillstand verdammt. Mit ungläubigem Staunen tastete ich mich in diese unbekannte Zeit vor. Bestand mein Leben bisher aus Familie mit einem Mann im unsteten Wechseldienst als Lokführer und drei Teenagern mit unterschiedlichsten Interessen und Bedürfnissen, aus anspruchsvoller Arbeit, aus Heim und Garten, aus Hobbys und Ehrenamt und natürlich Freunden und unseren beiden geliebten Katern, herrschte nun Ruhe.
Ich laufe gerne. Kein Joggen – ich streife durch die Gegend. Dafür war nun genügend Zeit. Stundenlang hing ich meinen Gedanken nach, genoss die warmen Sonnenstrahlen.
Ließ ich anfangs noch die Erlebnisse des Tages Revue passieren, stellten sich bald Tagträumereien ein. Eine Idee, die ich länger schon für „später“ mit mir herumtrug, nahm langsam Gestalt an. Eine Figur wurde zum Leben erweckt, eine Handlung entstand. Es machte Spaß, aus dem Alltag auszusteigen, vor mich hin zu laufen und der Geschichte in meinem Kopf zu folgen. Es entspannte mich, ließ mich lächeln. Es kribbelte regelrecht in mir. Erste Notizen wurden auf kleine Blöcke gekritzelt oder ins Smartphone getippt.
Damit alles Hand und Fuß bekam, mussten Fakten her. Ich habe nie etwas Literarisches gelernt oder gar studiert. Also besorgte ich mir ein erstes Buch über das Schreiben. Wissbegierig nahm ich alles in mich auf, spielte mit den Übungen, verbrachte auf diese Art herrliche Stunden in unserem Familienurlaub. Ich gebe zu, ich bin immer gerne zur Schule gegangen, lernen fiel mir leicht. Und dann begann ich. Eines Morgens nahm ich ein Heft und einen Bleistift zur Hand und fing an zu schreiben. Das tue ich seitdem fast jeden Tag. Anfangs waren es nur Ideen, Szenen und Dialoge – einfach Möglichkeiten. Inzwischen sind einige Geschichten entstanden.
Und darum schreibe ich. Es regt meinen Geist an, macht mich glücklich und lässt mich das Leben spüren.
Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Anthologien des Literaturkreises:
2021 „Geschichten & Gedichte schreiben – aber warum?“
2022 „Kalendergeschichten“
2023 „Tiergeschichten“
2023 „Fabeln und Fabelhaftes; Märchen und Märchenhaftes; Sagen und Sagenhaftes“
2024 „Wenn Holz schreiben könnte…“
2025 „Bahnhofsgeschichten“
Veröffentlichungen im Kalender des Südthüringer Literaturvereins
2025 „Thüringer Ansichten 2026“
Literaturwettbewerb „Erfurter Federlesen“
2023 Preisträger mit „Antwort auf ein Inserat“
2024 Preisträger mit „Das Haus“
